Die "Sinus-Studie" gliedert die deutsche Bevölkerung in zehn "Milieus" auf - in sieben davon spielt die Kirche so gut wie keine Rolle mehr.
Grafik: Sinus Sociovision
Mehr Mut und Flexibilität zeigen
Studie: Kirche verliert Kontakt zu weiten Teilen der Bevölkerung / Experten raten, Potentiale besser zu nutzen
Die katholische Kirche verliert in Deutschland zunehmend den Kontakt zu wichtigen gesellschaftlichen Gruppen, stößt aber in nahezu allen Milieus auf ein Interesse an christlichen Werten und Sinnangeboten. Dies geht aus einer bisher unveröffentlichten, von der Kirche selbst in Auftrag gegebenen Studie hervor.
Im Grundsatz rät die Studie der Kirche, sich auf die immer pluraler werdende Gesellschaft einzustellen und kommunikationsfähiger zu werden, zugleich aber ein klares Profil zu behalten. Erstellt wurde die Untersuchung von der "Sinus Sociovision GmbH" in Zusammenarbeit mit der katholischen "Medien-Dienstleistung GmbH" und der Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle in Hamm.
Laut Studie findet die Kirche noch in den konservativen und traditionsverwurzelten Milieus sowie Teilen der bürgerlichen Mitte Gehör. Selbst dort sei ihre Akzeptanz aber mittlerweile erheblich in Frage gestellt. In "modernere" Lebenswelten dringe sie außer bei besonderen Ereignissen wie dem Tod des Papstes oder privaten Ereignissen wie einer Hochzeit kaum noch vor.
Trotz enormer Bekanntheit viel zu wenig wahrgenommen
Die Untersuchung bescheinigt der Kirche einen "fantastischen, schier unerreichbaren" Bekanntheitsgrad von 100 Prozent. Jenseits der loyalen Kirchgänger werde sie mit ihren Angeboten und Einrichtungen wie Krankenhäusern, Kindergärten oder Caritas im Alltag aber "schlicht nicht wahrgenommen". Fast flächendeckend werden ihre göttliche Legitimität und ihr Wahrheitsanspruch bestritten, beschreiben die Wissenschaftler die kirchlichen "Image- und Kommunikationsprobleme". Die meisten Befragten aus den moderneren und jüngeren Bevölkerungsgruppen assoziieren mit Kirche Rückständigkeit, Unbeweglichkeit und Engstirnigkeit - und haben kaum noch Verbindung zu Gottesdiensten und kirchlichem Engagement in Gemeinden und Verbänden.
Andererseits sieht die Studie für die Kirche auch bei Menschen mit modernerem Lebensstil Potential: In "postmodernen Milieus" finde sich hinter meist harscher Kritik oft auch ein gewisses Sympathiepotenzial. So wünschten sich viele der Befragten eine Kirche, die sich nicht verstecke, sondern selbstbewusster auftrete und sich moderner Methoden bediene. Auch in moderneren Lebenswelten suchten viele Menschen nach Sinn und einer guten Lebensführung. Von geringerer Bedeutung ist aber laut Studie das Bedürfnis nach einer das gesamte Leben umfassenden Sinninstanz. Bestimmte Gruppen in den moderneren Milieus nutzten Kirche auch ganz instrumentell als eine Inspiration neben vielen anderen Angeboten, Ratgebern und Philosophien. Klöster, Ordensleute und prominente Christen böten aber interessante Modelle für die eigene Lebensführung.
Die Studie empfiehlt der Kirche, unterschiedliche gesellschaftliche Prioritäten, Lebensstile und Einstellungen besser wahrzunehmen und zielgruppenorientierter vorzugehen. Wichtig sei auch eine "stilistische Öffnung" in Sachen Musik, Ästhetik und Gottesdienstformen. Zudem sprechen sich die Wissenschaftler für eine größere finanzielle Transparenz und bessere Beteiligungsmöglichkeiten aus. "Die meisten Menschen empfangen derzeit kaum Signale, dass die Kirche sie will", heißt es. Die "vermuteten Geschäftsbedingungen" schreckten viele Menschen ab.
Kriterien: Wertvorstellungen, Einkommen und Lebensstil
Die "Sinus-Studie" beruht auf einer intensiven Befragung von 170 Personen. Grundlage ist aber darüber hinaus die Erforschung von Lebensstilen, ästhetischen Vorlieben und Werthaltungen, für die seit 25 Jahren tausende Bundesbürger befragt werden. Dabei wird die Gesellschaft nach den Kriterien Einkommen, Lebensstil und Wertvorstellungen in insgesamt zehn Milieus aufgeteilt. Die plakativ gewählten Charakterisierungen reichen von den "Konservativen" und den "Traditionsverwurzelten" über die "Bürgerliche Mitte" und die "Konsum-Materialisten" bis zu den "Hedonisten" und den "modernen Performern".
KNA