Das Dach dieser Kirche im Dorf Mogno bei Locarno ist aus Glas und stellt einen Lebensbaum dar. Fotos: KNA

Empfangende Hände – Altarbild im Innern der Kirche auf dem Monte Tamaro.

Dem Berg trotzen

Zwei eigenwillige Kirchen in den Tessiner Bergen

Ein Stück Heimat ging verloren, als am 25. April 1986 eine Schneelawine die 350 Jahre alte Kirche und einige Häuser des Dorfes Mogno im Maggital in der Nähe von Locarno wegriß. Der Ort hat nur wenige Einwohner und keinen eigenen Pfarrer, doch sofort bildete sich ein Komitee für den Wiederaufbau der Kirche. Damit beauftragt wurde Mario Botta, weltbekannter Architekt aus dem nahen Lugano und Erbauer von Museen, Banken und Wohnhäusern.

„Begeistert und gerührt“ – wie er selber sagt – hat der heute 55jährige Botta damals den Auftrag angenommen. Es folgten 2 252 Unterschriften gegen seinen Entwurf, Fernsehdiskussionen, juristische Streitereien, dann ein Machtwort des Bischofs für die Botta-Pläne. Der Wiederaufbau habe ihm, sagt Botta, den tiefsten Grund des Architektenberufs klargemacht: den Wunsch, etwas „Konstruktives“ zu tun, das Zeugnis ablegt für das Streben des Menschen in seiner Zeit. Im engen Maggital war dieses der ewige Kampf des Menschen gegen den Berg. Massiv stellt sich die Kirche mit ihrer Breitseite dem Berg entgegen; denn ihr Grundriß ist elliptisch. Sie steht in der Achse der alten Kirche und ist mit 17 Metern genauso hoch. Sie ist aus Materialien des Tals gebaut – heller und dunkler Marmor aus nahen Steinbrüchen schufen die „Kirche mit Jahresringen aus Stein“, schrieb die Sonntags-Zeitung Zürich. Eine ähnliche Form hat Botta auch bei der Bischofskirche von Evry bei Paris verwendet, der einzigen neu gebauten Kathedrale Frankreichs im 20. Jahrhundert.

In Mogno erinnert die Form an die Ruine der alten Kirche. Licht fiel damals von oben darauf – so wie jetzt in der neuen Kirche mit ihrem Glasdach, das als Blatt oder Lebensbaum gestaltet ist. Im Blick nach oben läßt sich Sehnsucht nach Unendlichkeit und Leben spüren. In das Licht hinein hat Botta einen großen Bogen gestellt, der sich gegen den Berg stemmt, aber auch den Regenbogen als Zeichen Gottes für die Menschen meinen kann. Wenn es regnet, fließt das Wasser in der Mitte des Lebensbaumes zusammen und rinnt über eine steinerne Treppe vor der Kirche zu Boden – eine Himmelsleiter, auf der die Elemente des Himmels den Menschen entgegenkommen.

Besonders markant in der Kirche sind die zwölf großen Bögen hinter dem Altar im Wechsel von hell und dunkel, die wie das Portal einer großen Kathedrale wirken. Ein Anklang an romanische Kirchen und an die maurische Architektur in Spanien – Botta baut modern und archaisch zugleich.

Das zeigt sich auch in seiner Kirche „Santa Maria degli Angeli“ (Heilige Maria von den Engeln) auf dem Monte Tamaro, 1 567 Meter über Rivera nördlich von Lugano. Modern der Baustoff: Beton mit rot-bräunlicher Porphyrverkleidung. Archaisch die Form: Wie eine dunkle Höhle mit kleinen Fensterluken, hinter dem Altar zwei sich darbietende Hände vor blauem Hintergrund, auf die von oben Licht fällt. Über der Kapelle endet ein 65 Meter langer, viaduktartiger Steg, quasi eine Startrampe in die Unendlichkeit. Die Kapelle hat der Besitzer des Skilifts nebenan in Auftrag gegeben als Gedenkkapelle für seine verstorbene Frau – aus dem dunklen Grab ins Licht der Auferstehung, in die unendliche Weite des Bergpanoramas. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes, aufgefahren in den Himmel“ – wer die Treppen hinunter zur Kapelle oder hinauf zur Aussichtskanzel geht, wer den Weg auf den Berg nicht per Seilbahn, sondern zu Fuß macht, kann diese Bewegung des Glaubensbekenntnisses erahnen. Nach Bottas Meinung ist diese Kirche ein vom Berg selbst gestaltetes Projekt. Der Architektur-Professor Werner Oechslin beschreibt sie „als Fortsetzung des Gebirges, mit leichten geometrischen Korrekturen an der felsigen Masse, die sich gleichsam im abendlichen Licht des Sonnenuntergangs nicht mehr als solche abhebt und mit dem Profil des Gebirges verschwimmt“.

Anders als in Mogno hat hier ein Künstler das Innere der Kirche gestaltet: Enzo Cucchi malte die Hände in der Apsis, ritzte einen Maria-Zyklus in 22 Zementfliesen über den Fensterluken und trug zwei große Zypressen unter der Rampe auf. Der Priester Giovanni Pozzi deutet das so: „Der höchste Berg ist Maria, an deren Fuß die unverrückbare Zypresse ihres Sohnes wuchs.

Eine Kirche, die sich dem Unglück in den Weg stellt, und eine Kirche, die den Blick in den Himmel weitet – diese beiden Bauwerke von Mario Botta sind nicht die schlechtesten Vorbilder für Kirche, die von Menschen gebaut ist.

Christian Turrey

Hinweis: Zur Kirche „San Giovanni Battista“ in Mogno im Maggital führt bis 1. Oktober 1998 jeden Donnerstag ein begleitender kultureller Tagesausflug per Postbus. Zum Besuchsprogramm gehören neben der Botta-Kirche auch eine Barockkapelle mit Renaissance-fresken, ein Talmuseum, ein Wasserfall und ein Polentaessen in einem Grotto (Lokal) im Maggital. Start in Locarno um 9 Uhr, Preis für Erwachsene 64 Schweizer Franken, Kinder 32 bzw. 20 Franken. Nähere Informationen beim Ufficio Postale Locarno, Zona consulenza e informazioni, CH-6601 Locarno 1, Telefon 00 41/91/7 56 89 24.

Auf den Monte Tamaro zur Kapelle „Santa Maria degli Angeli“ kommt man zu Fuß oder per Seilbahn von Rivera aus. Nähere Informationen bei der Gondelbahn Monte Tamaro, CH-6802 Rivera, Telefon 00 41/91/9 46 23 03, und im Internet: http://www.montetamaro.ch.

Die beiden Kirchen sowie drei weitere Sakralbauten von Mario Botta sind bis 30. August 1998 Thema einer Ausstellung mit dem Titel „Cinque architetture“ im Kunstmuseum Solothurn. Geöffnet Dienstag bis Samstag 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr (donnerstags bis 21 Uhr) sowie am Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Nähere Informationen beim Kunstmuseum Solothurn, Werkhofstraße 30, CH-4500 Solothurn, Telefon 00 41/32/6 22 23 07.