Für Post mit Vatikanbriefmarken gibt es eigene Briefkästen.
Fotos: KNA

Briefmarken aus dem Staat des Papstes erfreuen sich großer Beliebtheit

Die bunten Träume von der Vatikanpost

VON JOHANNES SCHIDELKO

Vatikan-Marken dienen natürlich zur Beförderung von Postsendungen aus dem kleinsten Staat in alle Welt. Aber kaum weniger bekannt und beliebt sind sie als Sammlerobjekte. Gerade Freimarken aus „Zwergstaaten“ – von Andorra über Monaco bis Liechtenstein und natürlich auch aus dem Reich des Papstes – stehen bei Philatelisten hoch im Kurs. Was in der Ära von Fax und E-Mail zusätzlichen Reiz bekommt: Schon mancher Rom-Tourist hat nach einem Besuch im vatikanischen Postamt ein neues Hobby entdeckt. Im Vatikan weiß man diesen Geschäftszweig zu schätzen. Denn Post und Briefmarkenverkauf zählen zu den sicheren Einnahmequellen im Vatikanetat.

Natürlich dominieren religiöse Motive auf den Marken aus der „Città del Vaticano“ (Vatikanstadt). Regelmäßige Anlässe für Sondermarken und Serien sind Heiligenfeste und kirchliche Jubiläen, Eucharistische Kongresse und vatikanische Ereignisse. Die Marken zum 100. Todesjahr des heiligen Adalbert erschienen 1997 sogar als Gemeinschaftsausgabe – ihr Motiv war im Vatikan sowie in Tschechien, Deutschland, Polen und Ungarn identisch. Eine Reihe ist jährlich den Auslandsreisen des reisefreudigen Pontifex aus Polen gewidmet. Besonders schön und sorgfältig ausgewählt sind die Postwertzeichen zum bevorstehenden Heiligen Jahr. Die vierteilige Sonderserie 1997 im Vorfeld des „Anno-Santo-2000“ zeigt den Sturm auf dem Meer, die Heilung des Gelähmten, die wunderbare Brotvermehrung und den Primat des Petrus. Illustriert werden die biblischen Begebenheiten mit Miniaturen wertvoller Handschriften des 14. Jahrhunderts aus den vatikanischen Museen. Zu den postalischen „Rennern“ gehörte 1997 auch die neue Serie über die Schweizergarde – nicht nur bei den Eidgenossen. Immer wieder tauchten Gardisten mit ihren Familien im vatikanischen Briefmarkenamt auf, um „ihre“ Serie oft in größerer Stückzahl zu erwerben. Die Ehre bringt freilich keinen Profit. Gardekorporal Meinrad Baumgartner, in voller Uniform der Star der 850-Lire-Marke, erhält keine Tantiemen, sondern bekam – wie seine 99 Kollegen – einige Sondermarken gratis.

Zur Illustrierung der Vatikanmarken bieten kirchliche Kunst und vatikanische Museen ein riesiges Reservoir: die Fresken aus der Sixtinischen Kapelle, Katakomben-Malereien, Miniaturen aus alten Codices, Wandteppiche aus den kilometerlangen Museumstrakten. Die Motive aus christlicher Architektur, Malerei und Plastik sind unerschöpflich. In der Regel kommt traditionelle Kunst zum Zug: von Michelangelo und Raffael bis Canova, die von heutigen Künstlern oder Graphikern für Briefmarken umgesetzt werden. Hin und wieder gelangen aber auch säkulare Ereignisse zu Ehren päpstlicher Markenmotive. Ein regelmäßiges Thema ist Europa. Aber auch hundert Jahre Olympische Spiele waren der Post des Papstes eine Sondermarkenserie wert, auch wenn die abstrakte Gestaltung für Sammler mit konventionellem Geschmack etwas gewöhnungsbedürftig war. Gelegentlich bedienen sich die Vatikanpostler auch im Ausland.

Zuständig für Briefmarken ist im Vatikan das ,,ufficio filatelico“, das Amt für Philatelie. Es hat seinen Sitz im mächtigen Governatoratspalast, einem hellen Marmorbau mitten in den vatikanischen Gärten. Das „Postministerium“ ist für die gesamte Konzeption und Planung der Marken, Postkarten, Blöcke und Aerogramme – das sind Luftpostleichtbriefe – zuständig. Es legt der für die vatikanischen Staatsangelegenheiten zuständigen Kardinalskommission die Themen neuer Postwertzeichen vor, entwickelt Motive, bestimmt Autoren und besorgt die künstlerische Umsetzung. Die Behörde begleitet den Druck der Marken, koordiniert Verkauf und Vertrieb und kümmert sich um Werbung. Dazu gehören heute moderne Kunden- und Sammlerbetreuung.

Von der Idee bis zum Erscheinen einer Marke verstreichen auch im Vatikan mitunter Jahre. Dabei geht es, anders als sonst im internationalen Postbetrieb, nicht nur um die effiziente – und auch ansprechende – Ausfüllung eines Monopols. Die Post des Papstes will, wie auch die anderen säkularen Bereiche und Dienstleistungssektoren im Vatikan, eine Mission erfüllen. Marion Schwanenberg, die einzige Deutsche im Staat des Papstes, sieht darin die erste Aufgabe.

Vatikanmarken sind so alt wie der moderne Vatikanstaat. Wenige Monate nach Abschluß der Lateranverträge kam die Post des Heiligen Stuhls am 1. August 1929 mit ihren ersten Postwertzeichen heraus. Lange Schlangen bildeten sich an den Schaltern im Hof Sixtus V., als die ersten Marken in den Verkauf gingen, notierten die Chronisten. Viele Kunden wollten sich mit den Erstausgaben eindecken. Selbst dem Papst fiel bei einem Blick vom Fenster das hektische Treiben in seinem Staat auf. Er besuchte nach Schalterschluß das neue Büro. In der damaligen Pionierzeit griff die königlich-italienische Post dem neuen Nachbarn hilfreich unter die Arme. Die Staatsbehörde stellte zwei Beamte ab, um der Schwesterorganisation im Land des Papstes zu helfen.

Aber bereits im alten Kirchenstaat gab es Briefmarken. Nur drei Jahre nach dem ersten deutschen Postwertzeichen führten die Päpste zum 1. Januar 1852 in ihrem damals noch größeren Reich die aufzuklebende und vorherzuzahlende Beförderungssteuer ein. Im Gegensatz zu den übrigen Landesherren wollte sich Papst Pius IX. (1846–78) jedoch nicht auf den Marken verewigen lassen. Die damaligen Freimarken zeigten – etwas monoton – das päpstliche Emblem: die gekreuzten Schlüssel. Keine Vatikanpost und damit auch keine Marken gab es nach Ende des Kirchenstaates zwischen 1870–1929 – als der Papst ohne eigenes Staatsterritorium und die „Römische Frage“ ungelöst war.

Heute sucht – und hält – das vatikanische Postministerium den Anschluß an internationales Post- und Markenniveau. Vatikanische Postler nehmen an philatelistischen Kongressen teil und beschicken internationale Ausstellungen. Ihre Produkte können sich sehen lassen. Der Sonderblock über die Restaurierung der Sixtinischen Kapelle wurde von den Lesern einer großen deutschen Briefmarkenzeitschrift zur schönsten Marke des Jahres 1994 gewählt. Das in Himmelblau gehaltene Postwertzeichen mit Michelangelos schwebender Christus-Figur vom „Jüngsten Gericht“ und einem Nennwert von 4 000 Lire steht nicht allein, auch andere Vatikanmarken erhielten Auszeichnungen aus aller Welt. Allerdings weiß man bei der Vatikanpost – was Ausgaben- und Auflagenzahl betrifft – um die eigenen Grenzen. Zehn bis zwölf Markenserien pro Jahr, meist mit einer Auflage von 400 000 Stück, können mengenmäßig nicht mit den rund 50 Sonderausgaben der Deutschen Post AG und deren Stückzahl konkurrieren.

Ob die bunten Papierdrucke aus dem Reich des Papstes eine sichere Kapitalanlage sind? Es hängt von der Wirtschaftssituation insgesamt, aber auch von der Auflagenpolitik in den anderen Kleinstaaten ab. Die Entwicklung ist unterschiedlich. Sicher ist, daß gerade die Sedisvakanz-Marken, die nach dem Tod eines Papstes herauskamen, besonders gefragt sind und ihr Wert deutlich stieg.