Die zehn sozialen Milieus: Herausforderung für die Kirche –Teil 9: Die Hedonisten
Selbst bei kirchlichen Veranstaltungen wie dem Weltjugendtag in Köln sind sie nur vereinzelt anzutreffen, die Punker und Rapper. Foto: dpa
Von Michael Dorndorf
Das Heidelberger Sinus-Institut hat im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz die zehn sozialen Milieus auf ihr religiöses Interesse hin untersucht. In Teil 9 der „Paulinus“-Serie geht es um das Milieu der Hedonisten.
Ausbrechen aus den Zwängen des Alltags: frei, ungebunden und anders sein als die „Spießer“ – das sind typische Zielvorstellungen der Hedonisten, die etwa elf Prozent der Bevölkerung ausmachen.
Mal angepasst, mal ausgeflippt
Die zumeist jüngeren Leute – ihr Altersschwerpunkt liegt unter 30 Jahren – führen aber ein regelrechtes Doppelleben: Einerseits sind sie im Berufsalltag angepasst – die Arbeit ist ihnen Mittel zum Zweck –, andererseits tauchen sie in ihrer Freizeit in „subkulturelle Gegenwelten“ ein, in ihr eigentliches Refugium. Dort können sie sich treiben lassen und sehen, was kommt, was sich einem bietet. Es ist ein „zweites Leben“, das sich in der „Szene“ abspielt. Dort sind sie Skater, Graffity-Sprayer oder Punker. Ihr Lebensziel heißt Selbstverwirklichung. In dieser Welt halten sie Distanz zu allen etablierten Parteien, Organisationen, auch den Kirchen. Sie haben ein starkes Interesse an unkonventionellen, mittelalterlichen oder exotischen Weltanschauungen und Religionen, wie Okkultismus, Esoterik und Satanismus. „Es gibt einen Gott und fertig. Aber das ganze Gedöns der Kirche ist mir zu kompliziert“, zitiert das Milieu-Handbuch (vgl. Artikel im „Paulinus“ Nr. 13 vom 2. April 2006, Seite 16) eine typische Aussage eines Hedonisten. Deshalb haben sie auch wenig Lust, sich mit ihr intensiver auseinander zu setzen. Das negative Image und die harte Ablehnung der katholischen Kirche beruht aber oft auf schlechten persönlichen Erfahrungen: mit einem älteren Priester, im Beichtstuhl, im Religionsunterricht, mit einer besonders strengen Verwandten. „Die Kirche ist ein Altenclub geworden. Bei der Kirche in Deutschland klingt immer Depression mit. Da ist nix mit Lebensfreude und Lebendigkeit“, so ein Angehöriger dieses Milieus. „Positiv wäre ein neuer Wind; es müsste was kommen, was zeitgemäß ist“, wünscht sich laut Studie eine 29-jährige Frau.
Das schwierigste Milieu für die Kirche
Die Hedonisten sind zweifellos für die Kirche das Milieu, das am schwersten zu erreichen ist. „Sie kann nicht erwarten, dass diese Menschen irgendwann von allein zu ihr kommen, die Kirche muss sich in die Lebenswelt dieser Menschen begeben und damit fremdes Terrain betreten“, empfehlen die Sinus-Fachleute. Aber auf keinen Fall sollte sie „vom hohen Ross“ herab auf diese Menschen blicken und weder sie persönlich noch ihren Lebensstil moralisch verurteilen, auch keine klassische Missionierung versuchen. Es wäre aber zu berücksichtigen, dass Hedonisten durchaus empfänglich sind beispielsweise für Gottesdienste mit Erlebnischarakter.