Grenzerfahrungen machen, zum Beispiel während einer Tour durch die namibische Wüste, das ist genau das Richtige für Experimentalisten. Foto: KNA
Grenzerfahrung als Lebensmaxime
Soziale Milieus: Herausforderung für die Kirche – Teil 8: Die Experimentalisten
Von Michael Dorndorf
Das Heidelberger Sinus-Institut hat im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz die zehn sozialen Milieus auf ihr religiöses Interesse hin untersucht. In Teil 8 der „Paulinus“-Serie: das Milieu der Experimentalisten.
Die etwa acht Prozent der Bevölkerung, die die Gruppe der Experimentalisten ausmachen, zeichnen sich durch Neugier aus: gegenüber unterschiedlichen Lebensformen und Kulturen, aber auch sich selbst gegenüber. „Die Suche nach Erfahrungen, um herauszufinden, wer man ist, was man kann und was zu einem passt“, bestimmt nach Erkenntnissen der Sinus-Experten die Grundorientierung dieses sozialen Milieus, dessen Altersschwerpunkt unter 30 Jahren liegt. Das Leben ist für Experimentalisten eine „individuelle Erfahrungs-, Erkenntnis- und Sinnschöpfungsreise, eine Expedition nach innen und außen“, heißt es im Milieuhandbuch (vgl. Artikel im „Paulinus“ Nr. 13 vom 2. April 2006).
So ist es folgerichtig, dass sie Distanz halten zu religiösen Organisationen, die dem Einzelnen restriktive Normen vorschreiben. „Ich muss selbst meinen Weg finden“ und „Für mich ist Gott über-all. Der guckt mich aus dem Gesicht meines Gesprächspartners an, durch die Pflanze auf meiner Fensterbank“, zitiert die Studie Aussagen von Experimentalisten. Gegenüber der Institution Kirche empfinden sie zum Teil große Gleichgültigkeit, zum Teil bringen sie ihr als „kulturellem und philosophischem Fundus“ eine hohe Wertschätzung entgegen.
Kirchentüren sollen immer offen sein
Auch von der „barocken Aufladung“ der Kirche lassen sie sich anziehen: Sie bietet wundersame Geschichten und Mystik und eine feierliche Inszenierung. Wenn schon Gottesdienste, dann solche, die dem Geheimnisvollen der christlichen Religion wenigstens einen ansprechenden Rahmen geben: Messfeiern am See oder auf einer Waldlichtung. Von Kirchenräumen erwarten Experimentalisten eine multifunktionale Nutzung für Lesungen, zeitgenössische Musik oder Vernissagen.
Sie finden es schade, wenn Kirchen geschlossen sind; abgeschlossene Kirchen gingen am Interesse der Gläubigen vorbei. In seiner Expertise empfiehlt das Milieu-Handbuch, die Vielfältigkeit der Kulturen und Theologien innerhalb der Kirche deutlich zu machen und somit den Experimentalisten die Kirche „als eine vielfältige, topographische Kulturlandschaft nahe zu bringen, in der sie sich individuell bewegen können“. Dazu sei es wichtig, die einzelnen Kulturen und Theologien herauszuarbeiten und Jesus Christus nicht als der Kirche vollständig bekannt darzustellen, sondern als Geheimnis, das man immer wieder neu entdecken müsse.