Die bunte Glitzerwelt der Auslagen fasziniert sie: Die Konsum-Materialisten lieben alles, was ihnen den Anschein von gut bürgerlichem Wohlstand geben kann. Foto: dpa

Ihr Motto lautet „leben und leben lassen“

Die zehn sozialen Milieus: Herausforderung für die Kirche – Teil 5: Konsum-Materialisten

Das Heidelberger Sinus-Institut hat im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz die zehn sozialen Milieus auf ihr religiöses Interesse hin untersucht. In Teil 5 der „Paulinus“-Serie geht es um die Konsum-Materialisten.

Man möchte anerkannt sein als „normaler Durchschnittsbürger“, dazugehören, sich etwas leisten können, hat aber häufig das Gefühl von Benachteiligung – und ist entsprechend frustriert. Das „Milieu-Handbuch“ (vgl. Artikel im „Paulinus“ Nr. 13 vom 2. April 2006, Seite 16) hebt charakterisierend weiter hervor, dass die eingeschränkten eigenen Möglichkeiten oft zu Abgrenzungsbemühungen gegenüber Randgruppen und Ausländern, „die noch tiefer stehen“, führten. Der Altersschwerpunkt dieser etwa elf Prozent der Gesellschaft umfassenden Gruppe liegt bei 46 Jahren. Der Anteil Geschiedener und getrennt Lebender ist überdurchschnittlich hoch, auch Single-Haushalte sind leicht überrepräsentiert. Die Hälfte der Berufstätigen sind Arbeiter; es gibt in diesem Milieu eine hohe Arbeitslosenrate.

Die Konsum-Materialisten sind gegenwartsorientiert, pflegen einen spaß- und freizeitorientierten Lebensstil und haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Ablenkung und Unterhaltung. Geld und Macht regieren die Welt – davon sind sie überzeugt. „Mein Motto ist leben und leben lassen“, zitieren die Sinus-Experten einen typischen Konsum-Materialisten. „Man muss alles hinnehmen, was um einen herum passiert. Man muss sich auch mit allem identifizieren, was um einen herum passiert.“ Die großen christlichen Kirchen gelten den Konsum-Materialisten als „altmodisch und anti-modern“, aber man hält sich selber für religiös.

Sie verstehen nur klare, eindeutige Botschaften

An einer Auseinandersetzung mit religiösen oder kirchlichen Themen sind sie nicht interessiert; gängige Begriffe wie etwa „Spiritualität“, „das Absolute“ oder „Transzendenz“, „Metaphysik“, „Charisma“ werden nicht oder nur teilweise verstanden. „Das mangelnde Wissen erzeugt Unsicherheit und Distanz zu Personen und Institutionen, die mit diesen Fremdworten umgehen“, hebt die Studie hervor und zieht den Schluss: Kirchliche Verkündigung sollte ihre Sprache umstellen; Botschaften müssen klar, einfach formuliert, bodenständig, konkret, unmittelbar und anwendbar sein. Das heißt, ein Bezug zum Alltag dieses Milieus mit seinen Problemen und Ängsten sollte hergestellt werden. Konsum-Materialisten erwarten Antworten, wie man Kraft für den Alltag gewinnt und Probleme löst. An abstrakt vorgetragener, verallgemeinernder Wertevermittlung sind sie nicht interessiert. So verstehen sie auch Gemeinde als Gemeinschaft von Menschen mit Stärken und Schwächen, Fehlern und Problemen, als eine Lebenswelt, in der die gesellschaftlichen Hierarchien nicht gelten. Eine solche Gemeinschaft kann ihnen vermitteln: „Gott lässt mich nicht im Stich – und meine Gemeinde auch nicht. Ich gehöre dazu.“ Michael Dorndorf