Meditierend auf der Suche nach dem Sinn des Lebens: Die Postmateriellen sind die philosophischsten innerhalb der zehn sozialen Milieus. Foto: dpa

„Kirche als soziale Kraft“

Die zehn sozialen Milieus: Herausforderung für die Kirche – Teil 4: Postmaterielle

Von Michael Dorndorf

Sie sind Individualisten, die eigene Ideen realisieren und sich Freiräume schaffen wollen. Weltoffenheit und Toleranz sind die Merkmale dieser Gruppe. Das im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellte Handbuch der sozialen Milieus nennt sie die Postmateriellen. Um sie geht es in Teil 4 der „Paulinus“-Serie.

Sie machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus; ihr Altersschwerpunkt liegt bei 40 Jahren. Sie leben zumeist in einem Vier-Personen-Haushalt. Sich selber sehen sie als intellektuelle, kulturelle und ökologische Vorbilder der Gesellschaft, die sie kritisch begleiten. Damit grenzen sie sich vom Massengeschmack der modernen Konsumgesellschaft ab. „Dogmen sind wie Laternen im Dunkeln. Sie geben Licht und Orientierung, aber nur ein Betrunkener hält sich daran fest“, zitiert die im Auftrag der deutschen Bischofskonferenz erstellte Milieustudie einen Angehörigen dieser Gruppe.

Diese charakterisierende Aussage verdeutlicht das Verhältnis zur katholischen Kirche: Ihrer hierarchischen Struktur stehen die Postmateriellen skeptisch gegenüber. Massive Kritik üben sie auch an einer Kirchenpolitik, die sich den Bedürfnissen der Menschen heute verschließe. „Das tun sie, um die reine Lehre zu wahren und selber auf der vermeintlich sicheren Seite zu sein“, urteilen die Fachleute des Heidelberger Sinus-Instituts in ihrer Studie. Ihr Verhalten sei begründet in „einer Mischung aus Angst, Unsicherheit, Bequemlichkeit und Arroganz“. Die Postmateriellen sind oft enttäuscht von konservativen Kräften und Strukturen der Kirche, was allerdings den Wunsch nach struktureller und moralischer Reform einschließt.

Gemeinde als Forum für den Dialog

Von der Kirche heute erwarten die Postmateriellen, dass sie sich „als soziale Kraft und sozialpolitische Kontrastbewegung mit einer Utopie vom guten und gerechten Leben“ darstellt. Die Gemeinde sollte ein offenes Forum für brandaktuelle Themen von Religion und Kirche heute bieten, wobei der christlich-jüdische und der interreligiöse Dialog Vorrang haben sollten.

Auch erwarten die Postmateriellen die Behandlung übergreifender Themen wie gesellschaftlicher und technologischer Wandel, prekäre Lebenslagen, neue Medien- und Jugendkultur. Vom Gottesdienst erwarten sie ein breites Spektrum von Musikstilen mit entsprechender Instrumentierung – von mittelalterlichen Chorälen über klassisch-kirchlich bis hin zu modern und experimentell – aber keinen wilden Stilmix; jeder Gottesdienst sollte musikalisch homogen gestaltet sein, um gleichzeitig Neugier, Spannung und neue Zugänge zum Göttlichen zu eröffnen. Das erfordere laut Milieustudie eine Überarbeitung der Liederbücher für den Gottesdienst. Viele Texte wirkten aus Sicht der Postmateriellen befremdlich, sprachlich und inhaltlich ohne Bezug zur aktuellen gesellschaftlichen Situation und persönlichen Befindlichkeit. Deshalb schlagen sie vor, Gottesdienstbücher nicht als abgeschlossenen Kanon zu betrachten, sondern als offene Lied und Textsammlung der Gemeinde.