Gebildet, vermögend, engagiert: Die „Etablierten“ bilden die Elite. Von der Kirche erwarten sie Professionalität. Foto: dpa
Ihr Wissen wäre für die Gemeinde ein großer Gewinn
Die zehn sozialen Milieus: Herausforderung für die Kirche – Teil 3: „Etablierte“
Von Michael Dorndorf
Sie bilden die Elite der Gesellschaft. Neben dem Streben nach Erfolg gilt ihnen ein intaktes Familienleben als wichtigstes Lebensziel. Das im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz erstellte Handbuch der sozialen Milieus nennt sie die „Etablierten“. Um sie geht es in Teil 3 der „Paulinus“-Serie.
Sie machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus; ihr Altersschwerpunkt liegt zwischen 35 und 64 Jahren. Und sie beteiligen sich intensiv am gesellschaftlichen Leben; sie sind engagiert in Vereinigungen, Verbänden und Klubs. Ihr hohes Allgemeinwissen lässt sie auch hohe Ansprüche an die intellektuelle Kompetenz eines Gesprächspartners stellen, so an Priester und Laien: Man möchte sich gern auf Augenhöhe mit Repräsentanten und Prominenten beider Konfessionen und anderer Religionen sehen. Kirche betrachten sie auch als gesellschaftliche Institution, die professionell geführt werden müsse.
Erkennungszeichen: schmucke Bibel
Die „Etablierten“ haben zumeist eine Bibel im Haus, allerdings eine kostbare Schmuckausgabe, nennt die Milieustudie ein „Erkennungsmerkmal“. Sie schätzen sie aufgrund ihrer kulturhistorischen und zivilisatorischen Bedeutung, als ein Werk außergewöhnlicher Leistung. An der katholischen Kirche schätzt man Bodenständigkeit, Stabilität und Kontinuität und dass sie sich nicht von modischen Trends beirren lasse. „Kritisch sieht man im Alltag ihre Stümperei“, formuliert die Studie. „An wichtigen Stellen hocken Menschen, die für ihre Aufgabe fachlich und kommunikativ ungeeignet sind.“ Ihrer Meinung nach hat die katholische Kirche vor allem ein Struktur- und Kommunikationsproblem: Während andere gesellschaftliche Organisationen auf die veränderten Bedingungen der Moderne mit einem oft radikalen Umstrukturierungsprozess reagierten, schleppe die Kirche historisch und theologisch beladene, überkommene Strukturen weiter; notwendige Veränderungen würden somit blockiert. Zu ihren „Wünschen und Forderungen an die Kirche“, die die Milieustudie unter diesem Titel auflistet, gehören länder- und konfessionsübergreifende Austauschprogramme von Familien und Jugendlichen, Missionierung von Ostdeutschland als Herausforderung, professionell gestaltete PR-Arbeit und eine Predigtpraxis, in der Gegenwartsbezug mit klarer Aussage, aber auch intellektuell Überraschendes vorkommen. Die stärkere Einbeziehung und öffentliche Positionierung von Frauen in der Kirche ist den „Etablierten“ wichtiges Anliegen. Die Experten des Sinus-Instituts empfehlen deshalb, „Etablierte“ aus der Kirchen- oder der Ortsgemeinde zielgerichtet anzusprechen und sie einzuladen, von ihren Erfahrungen zu erzählen. Ziel sollte es sein, professionelles Know-how für die Gemeinde zu gewinnen. Insbesondere Frauen, so die Analyse, zeigten oft eine ausgeprägte Sozial- und Führungskompetenz und sind sehr um Integration bemüht. Außerdem beherrschten sie Techniken der Moderation.
Das Reservoir ist vorhanden: Etablierte Frauen, die in Familie und Beruf nicht mehr ausgelastet sind, suchen eine sinnvolle, auch sozial-karitative Tätigkeit. Ihnen kann eine Kirchengemeinde durch anspruchsvolle Objekte attraktive Möglichkeiten der Betätigung bieten.