Grenzerfahrungen machen wie beim „Drachensurfen“: Lebensmotto der „modernen Performer“. Foto: Fotocase

Selbstbewusste Lebenskünstler

Die zehn sozialen Milieus: Herausforderung für die Kirche – Teil 2: Die „modernen Performer“

Wie verwurzelt die katholische Kirche in den zehn sozialen Milieus ist, das hat die Heidelberger „Sinus Sociovision GmbH“ untersucht. In Teil 2 der „Paulinus“-Serie geht es um das soziale Milieu „moderne Performer“.

In der Grafik sind sie am rechten oberen Rand angesiedelt, dort, wo sich die Linien „gesellschaftliche Oberschicht“ und „Experimentierfreude“ überschneiden: die „modernen Performer“. Es sind Lebenskünstler, auch ein bisschen Selbstdarsteller, wie die „Sinus Sociovision GmbH“ in ihrer Studie belegt.

Die Studie war von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegeben worden (vgl. „Paulinus“ Nr. 11 vom 19. März 2006) mit dem Ziel, Erkenntnisse über die Verwurzelung der katholischen Kirche in den zehn sozialen Milieus zu gewinnen.

Urvertrauen in eine göttliche Kraft

Etwa neun Prozent der Bevölkerung lassen sich in das soziale Milieu „moderne Performer“ einreihen. Die selbstbewussten jungen Menschen (der Altersschwerpunkt dieses jüngsten Milieus in Deutschland liegt unter 30 Jahren) sind im Allgemeinen ausgesprochen leistungsorientiert, haben eine optimistische Lebenseinstellung und verfügen über ein hohes Bildungsniveau. Mobil, flexibel, innovativ und kreativ sind die Eigenschaften, die die Sinus-Experten dieser Gruppe zuordnen. Fremde Kulturen kennen lernen, eine Weile im Ausland leben, egal wo: Hauptsache, Neues erleben. Sie neigen dazu, Normen und Hierarchien zu hinterfragen. Doch bei allem Selbstbewusstsein: Sehnsucht nach sozialer Anerkennung und das Eingebundensein-Wollen in behütende Strukturen sind auch ihnen nicht fremd. Nach einer gewissen Übersättigung mit materiellen Dingen, die man früher für erstrebenswert hielt, steht für die „modernen Performer“ mehr die Frage im Vordergrund, was wirklich wichtig ist im Leben: Familie, Freunde, verlässliche soziale Beziehungen. Bei all dem trägt sie ein gewisses Urvertrauen und die Gewissheit, dass es eine göttliche Kraft gibt, die in Krisenzeiten Halt verspricht. Nur ist das nicht immer der Gott der Christen, zu dem sie vorbehaltlos stehen. Die Kirche finden sie wichtig und kompetent in Bezug auf Werte und Moral und karitativen Dienst. Ansonsten glauben die „modernen Performer“ kritisieren zu müssen, dass die Kirche zu unbeweglich sei und dass man ihr im Alltag kaum begegne; sie sei nicht dort, wo man sich selber befinde. So gelten ihnen verschlossene Gotteshäuser als Symbol für die Abschottung der Kirche, aber auch als verpasste Chance.

Zum sonntäglichen Gottesdienst gehen die „modernen Performer“ nur, wenn sie meinen, es wieder einmal nötig zu haben; und wenn, dann möchten sie keine zementierten Abläufe mit vorgefertigten Zeremonien und Ritualen erleben. Sie erwarten vielmehr Teilnahmemöglichkeiten an der Gestaltung, mehr charismatische Elemente, geistige und geistliche Aha-Erlebnisse. So sollten im Gottesdienst kompetente Gemeindemitglieder und Gäste zu Wort kommen und somit einen Austausch von Erfahrungen ermöglichen.

Eine Kirche, die ohne Sprechstunden zuhört

In einer „langen Nacht der Kirchen“ in der ganzen Stadt mit Veranstaltungen mit Bands, Konzerten und Literaturlesungen oder an einem „Tag der offenen Tür“ der Kirche, um die Menschen hinter die Kulissen schauen zu lassen, wären sie mit von der Partie. Die Kirche sollte eine solche sein, „die keine Sprechstunden hat, sondern eine, die überall und jedem zuhört“, zitiert die Sinus-Studie eine junge Frau. Gefragt ist sie also als ein professioneller Partner mit einer ganz bestimmten und einzigartigen Leistung. „Ein Kirchenvertreter, der sich voll mit seinem ‚Unternehmen‘ und seinem Job identifiziert, der dies stolz zeigt und dafür wirbt, der aber auch Freizeit braucht und diese genießt, wäre mit ihnen auf Augenhöhe und ein akzeptierter Gesprächspartner“, folgert die Studie. Michael Dorndorf