Die „Bürgerliche Mitte“ ist ausgesprochen familienfreundlich. Foto: dpa

Gemeinde als Dach für Familien

Die zehn sozialen Milieus: Herausforderung für die Kirche – Teil 1: Die „Bürgerliche Mitte“

Von Michael Dorndorf

Wie verwurzelt die katholische Kirche in den zehn sozialen Milieus ist, hat die Heidelberger „Sinus Sociovision GmbH“ gemeinsam mit der Medien-Dienstleistung GmbH im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz untersucht. Der „Paulinus“ stellt diese Milieus in einer Serie vor.

In der so genannten „Sinus-Studie“ (vgl. „Paulinus“ Nr. 11 vom 19. März 2006, Seite 4) wird die Gesellschaft nach den Kriterien Einkommen, Lebensstil und Wertvorstellungen in zehn Milieus eingeteilt. Die plakativ gewählten Charakterisierungen reichen von den „Konservativen“ und „Traditionsverwurzelten“ bis hin zu den „Konsum-Materialisten“. Im ersten Teil der Serie geht es um die „Bürgerliche Mitte“. Sie bildet den Kern der Gesellschaft und ist mit etwa 16 Prozent der Bevölkerung auch das größte dieser zehn sozialen Milieus.

Der Papst ist sehr präsent

Die Angehörigen dieser Gruppe haben ihren Altersschwerpunkt zwischen 30 und 50 Jahren, sind überwiegend verheiratet und leben in einem Mehr-Personen-Haushalt. Einfache und mittlere Angestellte, aber auch Beamte und Facharbeiter bilden die größte Berufsgruppe innerhalb dieses Milieus, das in seiner Freizeit Wert legt auf die Pflege enger Freundschaften, auf Freizeitsport und auf gemeinsame Unternehmungen mit untereinander befreundeten Paaren und Familien in ähnlicher Lebenslage. Die „Bürgerliche Mitte“ engagiert sich gern in Vereinen und übernimmt ehrenamtlich viele Aufgaben, vor allem praktisch-handwerkliche Tätigkeiten. „Der Papst ist im Bewusstsein der ‚Bürgerlichen Mitte‘ sehr präsent und prägt ihr Bild von der katholischen Kirche in Deutschland“, unterstreicht die „Sinus-Studie“. Allerdings gelten dieser Gruppe starre Rituale und konservative Moralvorschriften als Verfremdung und Verunstaltung der eigentlichen christlichen Botschaft. So werden die Erklärungen der Kirche zu Verhütung und Homosexualität, aber auch hinsichtlich interkonfessioneller Eheschließung als unberechtigte Einmischung in Privatangelegenheiten kritisiert.

Aus diesen und weiteren typischen Merkmalen der „Bürgerlichen Mitte“, die das Handbuch unter „Lebensstil“ und „Alltagsästhetik“, „Lebenssinn“, „Weltanschauung“ und schließlich „Wünsche und Forderungen an die Kirche“ beschreibt, zieht sie Schlussfolgerungen für die pastorale Arbeit. Sie empfiehlt ein breites Veranstaltungsangebot in der Gemeinde, in der soziale, pädagogische, ökonomische und ökologische Gegenwartsfragen behandelt werden sollten, wobei ein Bezug zur christlichen Botschaft herzustellen sei. Diesem Milieu entsprechend solle die Gemeinde ein „modernes Veranstaltungs- und Kommunikationsforum“ sein, eine Anlaufstelle und Lebenswelt für die ganze Familie. Bei der Konzeption des Familiengottesdienstes sollte darauf geachtet werden, dass er als „Mehr-Generationen-Gottesdienst“ gestaltet wird, in dem jede Generation eine aktive Rolle übernimmt. Damit sei zu verdeutlichen, dass die Kirche ein Ort ist, an dem alle Generationen willkommen sind, eine Aufgabe übernehmen können, bei der sie sich wohl fühlen und die nützlich ist – wie Kinderbetreuung, Kinder- und Jugendgottesdienst vorbereiten, Bastelstunden sowie Musik- und Malstunden halten, auch mal einen Kochkurs anbieten. Also: Die Räumlichkeiten der Kirche auch unter der Woche mit Leben erfüllen. „Will die katholische Kirche in Deutschland Volkskirche sein“, fasst die „Sinus-Studie“ zusammen, „dann muss sie dieses Milieu gewinnen und dort ihren Anker haben“. Das bedeute, dass sie in diesem Milieu „das gesellschaftliche Image bekommen muss, modern zu sein“. Sie muss die Themen aufgreifen, die die „Bürgerliche Mitte“ bewegten, und sich als Meinungsmacher positionieren.

Milieuhandbuch „Religiöse und kirchliche Orientierungen in den Sinus-Milieus 2005“, 318 Seiten, 140 Euro für kirchliche Mitarbeiter. Das Buch ist zu beziehen über die Medien-Dienstleistung GmbH, Postfach 20 14 17, 80014 München, Telefon (0 89) 5 45 88 90, E-Mail info@mdg-online.de, Informationen gibt es im Internet unter www.mdg-online.de.